SkulpturKleiner Rundweg · Nº 18
Baum der Erkenntnis

Mit seiner ursprünglich als „Weihnachtsbaum“ geschaffenen Skulptur stellt Thomas Rees den Zusammenhang der Weihnachtsgeschichte mit der gesamten sogenannten biblischen Heilsgeschichte vor Augen.
Heilsgeschichte verstanden als die Geschichte Gottes mit den Menschen und der Menschen mit Gott in allen ihren Facetten. Nicht „heile Welt“, sondern gerade das Nichtausblenden des Un-Heilen und Un(fried-)fertigen hat die Menschen zu allen Zeiten nach dem „Warum“ fragen lassen. Diese Auseinandersetzung hat literarisch seinen Ausdruck in den biblischen Überlieferungen mit der „Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies“, dem Turmbau zu Babel, dem Brudermord Kains an Abel und der Sintfluterzählung gefunden. Durch diese Erzählungen wird deutlich, dass die Menschen in einem weiteren Sinne immer auch religiöse Menschen waren, die über sich hinausgesehen und nach Antworten gesucht haben. (von lateinisch relegere - ´von neuem in Gedanken durchgehen´ bzw. religare - ´rückbinden´)
Menschwerdung (Gottes) – Kein Einzelfall! Am Fuß des Turmes zu Babel und zum Abschluß der Gruppe der auseinanderströmenden Menschen finden sich zwei Figuren, die Lebens- und Glaubenserfahrung in der Menschheitsgeschichte markieren: Moses mit den Gesetzestafeln und Abraham. Der eine, Abraham, bricht auf in unbekanntes Land und gibt sämtliche Sicherheiten und Gewohnheiten auf. Der andere, Mose, hat sich mit seiner wahren Identität auseinanderzusetzen („Wer bin ich, Wo gehöre ich hin?“) und findet erst zu sich, als er anderes verliert (Familie des Pharao, Reichtum, Sicherheit, Anerkennung).Beide, Mose und Abraham, müssen mit Brüchen in ihrem Leben zurechtkommen, die sich erst späterhin im Licht des Glaubens als Aufbrüche zu einem neuen Leben erweisen. Auf dramatische Weise wird ihnen zugemutet neu Mensch zu werden. Der Geburt Jesu nähern sich die Hirten. Sie sind der Inbegriff der in der damaligen Gesellschaft randständigen Menschen. Sie werden als erste vom Rand zur Mitte geführt und damit zum Wesentlichen: Gott wird Mensch. Das Leben – zwiefältig! – zweifelhaft? Für Thomas Rees hat die Auseinandersetzung mit dem Widersprüchlichen, den widerstrebenden Kräften eine große Bedeutung und prägt auch diese Skulptur: Der Geburt Jesu steht der Kindermord zu Bethlehem (Schädel des König Herodes mit Krone) gegenüber. Dem offenem Grab (Ostern) als Inbegriff christlicher Hoffnung und Grund christlicher Existenz wird das Kreuz (Karfreitag) gegenübergestellt, und dem sind die beiden Figuren unterhalb der Kreuzes- und Grabesdarstellung zugeordnet: Die eine Figur fassungslos-aufschreiend, die andere trauernd und gleichsam in sich versunken. Den Hirten, die beim nahen Bethlehem lagerten gegenüber stehen die Weisen aus dem fernen Morgenland. Buchstäblich „den Gipfel“ – zuoberst - bildet das Gegenüber des Cherubim mit dem flammenden Schwert und des sog. „Himmlischen Jerusalems“. Der Cherubim ist in der biblischen Überlieferung der Wächter zum Garten Eden aus dem Adam und Eva verbannt worden sind. Das Himmlische Jerusalem steht für die Verheißung der Wiederkunft Gottes.
Eine Fülle von Geschichten und Bildern, Gefühlen und Gedanken, Erfahrungen und Hoffnungen, die über das Geschehen von Weihnachten hinaus weiterwirken in das Hier und Jetzt meines Lebens, wo sie mich zur Auseinandersetzung mit meinen eigenen Lebensfragen einladen.
Jürgen Hensing im Dezember 2008
Die Skulptur entstand im Jahr 2008 aus einem 250 Jahre alten Bergahorn, Höhe etwa 7 Meter.



